Author Archives: kurzweil7

Somewhere

Ich hatte das Radio laufen und plötzlich tönte da diese rauhe, kaputt klingende Stimme von Tom Waits – ausdrucksstark, sehnsüchtig, mit dunklem Timbre über lyrischen Streicherklängen. Seine Interpretation von „Somewhere“ (Westside Story) ist von verstörender Schönheit. Ich besorgte mir die entsprechende Langspielplatte von ihm – wollte man damals eine bestimmte Musiknummer zu Hause habe, mußte man in den Plattenladen oder man hatte Glück und konnte den Song aus dem Radio auf Musikkassette mitschneiden, wenn nicht gerade der Sprecher alles vermasselte, indem er in den Beginn oder das Ende des Stücks hineinsprach..

Tom Waits hat mit seinen Songs eine eigene Welt geschaffen. Mal klingt es nach Ballade, dann nach Polka, dann wieder nach Blues, gewürzt mit literarisch-surrealen Texten. Er ist ein Geschichtenerzähler, der sich der dunklen Seite verschrieben hat. Dazu kommt dieser klapprige holprige Sound und seine Inszenierung als kettenrauchender, whiskytrinkender Outlaw, der in den Nachtlokalen zwischen schrägen Nachtvögeln herumhängt, und deren Lebensgeschichten lauscht. 

Somewhere  :  https://youtu.be/da3H-jwDiDU

Fahrrad in Cat´s Village

Es ist höchste Zeit, dass immer mehr Straßen den Menschen zurückgegeben werden. Zu lange wurde der Autoverkehr bevorzugt behandelt. In Cat´s Village sind nur Fahrräder zugelassen – aber das ist eine andere Geschichte.

Nothing But The Blues

Es wäre interessant der Frage nachzugehen, welche Musikstile sich anders oder gar nicht entwickelt hätten, gäbe es nicht den Blues. Entstanden als Ausdrucksmittel von Unterdrückung und Ausbeutung, hatten Sklavenarbeiter und deren Nachfolger im rassistisch geprägten südlichen Amerika mit ihren Gesängen, später dann begleitet von der Gitarre, ein emotionales Ventil geschaffen, das ihr Leiden hörbar machte. Das einfache Bluesschema gab Halt und genug Freiraum, um die eigene Situation hinauszuschreien – intensiv, rauh, pur und direkt.

Radio analog

Es gab eine Zeit, da hatten wir als einziges technisches Medium ein Radio – eine großen, schweren Kasten, alles mechanisch und analog, mit zwei Drehreglern, ein paar Tastern und dieses breite beleuchtete Display, auf dem man einen Strich wandern sehen konnte, wenn man an den Knöpfen drehte. Ich saß gerne davor, drehte an den Reglern, horchte auf die fiepsenden, knatternden, rauschenden und zirpenden Sounds und wenn eine Stimme hörbar wurde, suchte ich nach kleinen Männchen, die ich im Display vermutete aber nie fand.  

Kellergasse

Ursprünglich war die Weinerzeugung in den Händen von Adel und Kirche. Erst die Reformen von Maria Theresia und Joseph dem Zweiten haben es den Bauern ermöglicht, selbst Wein herzustellen. Am Rand der Ortschaften wurden in Lößhänge Weinkeller gegraben, wo der Wein erzeugt und gelagert wurde. Der Aushub wurde gleich verwendet, um den Kellern kleine Gebäude voranzustellen. So sind die Kellergassen entstanden – die meisten befinden sich im Weinviertel.

Wenn Bäume trösten…

Bäume können viel. Sie können Kraft geben, können trösten, man kann ihnen Ängste, Sorgen, Freuden anvertrauen.  Ich hörte einmal ein Radiofeature über einen Eingeborenenstamm, jedes Stammesmitglied hatte einen Baum, um sich mitzuteilen – erzählend, singend, weinend, lachend, wütend, fröhlich. Der Baum war Zuhörer und stellte eine Verbindung zu den Ahnen her – eine schöne Vorstellung. Leider kann ich mich nicht erinnern, wie dieser Stamm hieß oder welche Gegend er bewohnte, ist alles zu lange her.

Der Traum vom Fliegen

Fliegen – Da muß ich an Gustav Mesmer (geb 1903) denken, der 35 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte und dort den Traum entwickelte, mit selbstgebauten Flugmaschinen, betätigt mit eigener Muskelkraft, von Dorf zu Dorf zu fliegen. Nach einer kargen Kindheit als Gehilfe von Bauern, dann einer Zeit im Kloster hat er eines Tages in der Dorfkirche randaliert. So kam es zu seiner Einlieferung in die Anstalt. Indem er den Traum vom Fliegen verfolgte – er fertigte unzählige tolle Zeichnungen und Pläne von Fluggeräten an – schuf er eine Gegenwelt zur tristen Alltagssituation.

Erst mit Anfang 60 kam er frei. Ein Verwandter hatte sich für ihn eingesetzt. Nun konnte er seine Pläne in die Tat umsetzen. Er baute und bastelte leidenschaftlich an seinen Geräten – viele Einzelteile holte er sich vom Schrottplatz – und man konnte beobachten, wie er in seinem abgetragenen Anzug den Hügel hinter dem Ort hinaufstieg und dann seine „Abfahrten“ startete. Zum Beispiel mit einem alten Fahrrad, dem er Flügel verpaßt hatte. 

Fliegen sah ihn zwar niemand, aber das war nicht wichtig. All das, was sein Traum nun in Bewegung gesetzt hatte, führte ihn in diesen späten Jahren zu einem befriedigten Leben. Er war Teil der Dorfgemeinschaft geworden. Es gibt zahlreiche Fotos vom „Ikarus vom Lautertal“ – mit hölzernen Flügeln, auf seinem geflügelten Fahrrad, mit Sturzhauben und Brustpanzer zur Unfallvermeidung etc. – die einen kauzigen Alten mit fröhlichen und entspannten Gesichtsausdruck zeigen. Später wurde er als Künstler und Visionär betrachtet, Ausstellungen werden organisiert und sein Flugfahrrad brachte es bis zur Weltausstellung in Sevilla 1992. Auch seine Zeichnungen sind faszinierende Dokumente, die viel mehr sind als bloß Skizzen, sondern bunte phantasievolle Kunstwerke. Außerdem baut er „Schwätzmaschinen“, Rechteck-Mandolinen“ und “Trompetengitarren.“

„Es stehen die Menschen draussen in der Natur. Schauen bestaunt die Vögel – groß und klein. Wie sie so beschwingt durch die Lüfte schweben. Wird da der Mensch nicht neidisch, hat Gott den Vögeln Schwingen erschaffen und Dir, Mensch, nicht. Er ist doch die Krone des Lebenden. Hat Gott da was vergessen, oder ein anderes Ziel vorbehalten? Seit der Existenz des Menschen versucht einer und der andere künstliche Flügel zu bauen.“ (Gustav Mesmer) 

Fliegen und fallen, fallen und fliegen

Eines Tages befestigte mein Vater eine Schaukel an einem Ast unseres alten riesigen Nussbaums. Bald genoß ich das Schaukeln, diesen Wechsel aus Fallen und Fliegen. Ich entdeckte das Abenteuer, im Flug abzuspringen. Man mußte nur den richtigen Moment erwischen, um sicher zu landen. 

Später wurde der Nußbaum mein Kletterparadies. Ich fand verschiedene Routen durchs Geäst. Der Baum wurde meine Welt. Dort fühlte ich mich sicher, fühlte ich mich zu Hause. Ich fühlte mich stark und selbstbewußt. Ich wurde zu einer Art „Baron auf den Bäumen“ – dieses von Italo Calvino stammende großartige Buch über einen Jugendlichen, der vor dem Alltag flieht um den Rest seines Leben auf Bäumen zu verbringen. Als sein Ende naht, ergreift er das Seil eines zufällig vorbeischiebenden Ballons und ward nie mehr gesehen. Er hatte es geschafft, ab dem Zeitpunkt seiner Flucht in die Bäume kein einziges Mal mehr die Füße auf den Boden zu setzen.

Über den Wolken

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen

und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein(1974, Reinhard Mey)

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Reinhard Mey in diesem Refrain große Worte wie “Freiheit” und “Ängste” verwendet und wie es ihm gelingt, mit einfachen Worten Wichtiges zu formulieren,. Einmal gehört, geht einem dieser Song nicht mehr aus dem Ohr. Mey hat sich den Traum von „Über den Wolken“ erfüllt – er hat den Pilotenschein gemacht.

Es war 1969, als Ritchie Havens das Woodstockfestival eröffnete. Er spielte so lange, bis ihm die Songs ausgingen. Als letztes Lied sang er „Motherless Child“, wobei er über das Wort „Freedom“ eine leidenschaftlich-exstatische Improvisation hinlegte, die legendär wurde und letztlich die Essenz der 60iger Jahre zum Ausdruck bringt. Dieses Wort ist damals, bezogen auf die unterschiedlichsten Bereiche, allgegenwärtig gewesen und hat einiges in Bewegung gebracht.

Glockenklang

Ich mag den Klang von Kirchenglocken, vor allem von kleineren ländlichen Kirchen. Besonders schön ist es, wenn das Geläut aus der Ferne kommt, als ein helles feines Klingen.

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