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Wenn Bäume trösten…

Bäume können viel. Sie können Kraft geben, können trösten, man kann ihnen Ängste, Sorgen, Freuden anvertrauen.  Ich hörte einmal ein Radiofeature über einen Eingeborenenstamm, jedes Stammesmitglied hatte einen Baum, um sich mitzuteilen – erzählend, singend, weinend, lachend, wütend, fröhlich. Der Baum war Zuhörer und stellte eine Verbindung zu den Ahnen her – eine schöne Vorstellung. Leider kann ich mich nicht erinnern, wie dieser Stamm hieß oder welche Gegend er bewohnte, ist alles zu lange her.

Der Traum vom Fliegen

Fliegen – Da muß ich an Gustav Mesmer (geb 1903) denken, der 35 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte und dort den Traum entwickelte, mit selbstgebauten Flugmaschinen, betätigt mit eigener Muskelkraft, von Dorf zu Dorf zu fliegen. Nach einer kargen Kindheit als Gehilfe von Bauern, dann einer Zeit im Kloster hat er eines Tages in der Dorfkirche randaliert. So kam es zu seiner Einlieferung in die Anstalt. Indem er den Traum vom Fliegen verfolgte – er fertigte unzählige tolle Zeichnungen und Pläne von Fluggeräten an – schuf er eine Gegenwelt zur tristen Alltagssituation.

Erst mit Anfang 60 kam er frei. Ein Verwandter hatte sich für ihn eingesetzt. Nun konnte er seine Pläne in die Tat umsetzen. Er baute und bastelte leidenschaftlich an seinen Geräten – viele Einzelteile holte er sich vom Schrottplatz – und man konnte beobachten, wie er in seinem abgetragenen Anzug den Hügel hinter dem Ort hinaufstieg und dann seine „Abfahrten“ startete. Zum Beispiel mit einem alten Fahrrad, dem er Flügel verpaßt hatte. 

Fliegen sah ihn zwar niemand, aber das war nicht wichtig. All das, was sein Traum nun in Bewegung gesetzt hatte, führte ihn in diesen späten Jahren zu einem befriedigten Leben. Er war Teil der Dorfgemeinschaft geworden. Es gibt zahlreiche Fotos vom „Ikarus vom Lautertal“ – mit hölzernen Flügeln, auf seinem geflügelten Fahrrad, mit Sturzhauben und Brustpanzer zur Unfallvermeidung etc. – die einen kauzigen Alten mit fröhlichen und entspannten Gesichtsausdruck zeigen. Später wurde er als Künstler und Visionär betrachtet, Ausstellungen werden organisiert und sein Flugfahrrad brachte es bis zur Weltausstellung in Sevilla 1992. Auch seine Zeichnungen sind faszinierende Dokumente, die viel mehr sind als bloß Skizzen, sondern bunte phantasievolle Kunstwerke. Außerdem baut er „Schwätzmaschinen“, Rechteck-Mandolinen“ und “Trompetengitarren.“

„Es stehen die Menschen draussen in der Natur. Schauen bestaunt die Vögel – groß und klein. Wie sie so beschwingt durch die Lüfte schweben. Wird da der Mensch nicht neidisch, hat Gott den Vögeln Schwingen erschaffen und Dir, Mensch, nicht. Er ist doch die Krone des Lebenden. Hat Gott da was vergessen, oder ein anderes Ziel vorbehalten? Seit der Existenz des Menschen versucht einer und der andere künstliche Flügel zu bauen.“ (Gustav Mesmer) 

Fliegen und fallen, fallen und fliegen

Eines Tages befestigte mein Vater eine Schaukel an einem Ast unseres alten riesigen Nussbaums. Bald genoß ich das Schaukeln, diesen Wechsel aus Fallen und Fliegen. Ich entdeckte das Abenteuer, im Flug abzuspringen. Man mußte nur den richtigen Moment erwischen, um sicher zu landen. 

Später wurde der Nußbaum mein Kletterparadies. Ich fand verschiedene Routen durchs Geäst. Der Baum wurde meine Welt. Dort fühlte ich mich sicher, fühlte ich mich zu Hause. Ich fühlte mich stark und selbstbewußt. Ich wurde zu einer Art „Baron auf den Bäumen“ – dieses von Italo Calvino stammende großartige Buch über einen Jugendlichen, der vor dem Alltag flieht um den Rest seines Leben auf Bäumen zu verbringen. Als sein Ende naht, ergreift er das Seil eines zufällig vorbeischiebenden Ballons und ward nie mehr gesehen. Er hatte es geschafft, ab dem Zeitpunkt seiner Flucht in die Bäume kein einziges Mal mehr die Füße auf den Boden zu setzen.

Über den Wolken

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen

und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein(1974, Reinhard Mey)

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Reinhard Mey in diesem Refrain große Worte wie “Freiheit” und “Ängste” verwendet und wie es ihm gelingt, mit einfachen Worten Wichtiges zu formulieren,. Einmal gehört, geht einem dieser Song nicht mehr aus dem Ohr. Mey hat sich den Traum von „Über den Wolken“ erfüllt – er hat den Pilotenschein gemacht.

Es war 1969, als Ritchie Havens das Woodstockfestival eröffnete. Er spielte so lange, bis ihm die Songs ausgingen. Als letztes Lied sang er „Motherless Child“, wobei er über das Wort „Freedom“ eine leidenschaftlich-exstatische Improvisation hinlegte, die legendär wurde und letztlich die Essenz der 60iger Jahre zum Ausdruck bringt. Dieses Wort ist damals, bezogen auf die unterschiedlichsten Bereiche, allgegenwärtig gewesen und hat einiges in Bewegung gebracht.

Glockenklang

Ich mag den Klang von Kirchenglocken, vor allem von kleineren ländlichen Kirchen. Besonders schön ist es, wenn das Geläut aus der Ferne kommt, als ein helles feines Klingen.

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Zen Garten

Die karge Schönheit eines Zengartens ist etwas ganz Spezielles. Die Sinne werden nicht von rauschenden Farben und Formen überschwemmt. Es gibt ein paar Steinblöcke und von Mönchen zu Wellenlinien geharkten Kies. Assoziationen von Wasser werden hervorgerufen, obwohl alles nur Stein ist.Der Garten ist voll Stille, läd ein zur Meditation und kann den Betrachter auch ordentlich auf sich selbst zurückwerfen. Auch wenn ich nie einen Zengarten besucht habe – selbst die Gedanken, die durch das Betrachten von Abbildungen hervorgerufen werden, haben eine gewisse Kraft.

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Roll Me Up And Smoke Me When I Die

“Roll Me Up And Smoke Me When I Die” – dieser schräge Songtitel von Willie Nelson bezieht sich auf mediale Fehlmeldungen, dass Nelson verstorben sei. Als Singer/Songwriter antwortet er mit einem Lied. Ich bewundere und beneide ja Menschen, die es vermögen, sich mittels eines Songs – dieser faszinierenden minimalistischen Kunstform, bei der in wenigen Minuten eine Stimmung geschaffen und Aussagen, Gefühle, Beobachtungen textlich beschrieben werden – auszudrücken. Nelson ist ein Meister darin, mit einfachen Worten pointiert und zielgenau zu formulieren, und, begleitet von seiner Partnerin – der nach jahrzehntelangem Gebrauch abgenutzten Gitarre namens Trigger – Inhalte rüberzubringen. Die spezifische Phrasierung seines Gesangs sorgt für eine swingende Leichtigkeit und die Prägnanz seiner Texte lässt mich immer wieder staunen..

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Sommer

Spannend, wohin mich das Zeichnen führt. Zuletzt hat es Erinnerungen an meine sommerlichen Kindertage wachgerufen. Wir verbrachten die Sommertage immer in einer Hütte an einem See . Der Bauer hatte sie seinem ehemaligen Knecht – damals nannte man Landarbeiter so – zur Verfügung gestellt und wir mieteten die 2 Zimmer im Obergeschoß. Alles war sehr einfach, der Vorraum diente als Küche mit zwei Spirituskochern und zwei Eimern für den Abwasch. Ein Plumpsklo befand sich draußen.

Ich fürchtete mich etwas vor unserem Vermieter. Er trug stets dunkle abgetragene Kleidung, rauchte “Austria3” und trank gerne Bier. Morgens wusch er sich Gesicht, Hände und Füße im See. Erst später erfuhr ich von seinem tragischen Ende. Beim Überqueren der Straße wurde er von einem Auto erfaßt und in den Straßengraben geschleudert. Er wurde mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Dort verabreichte man ihm ein heißes Bad, und dieses hat er nicht überlebt.

Für uns Kinder war das Leben auf dem Bauernhof toll. Wir konnten tun, was wir wollten, das große Grundstück gab vieles her, wir konnten im See baden, den Kuhstall besuchen – in Badehose und Gummistiefel – und auf dem Heuboden klettern. Die Mahlzeiten wurde auf der Wiese vor dem Haus eingenommen und strukturierten den Tag. Wir waren ständig unterwegs mit den Sprößlingen anderer Sommergäste. Alles spielte sich im Freien ab. Uns wurde nie langweilig. Smartphones und Computer gab es noch nicht, die Abenteuer fanden wir in dem, was wir taten.

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Mondlandung

Als ich ein Kind war, verbrachten wir mit der Familie die Sommerferien immer auf einem Bauernhof. Dort gab es ein Gastzimmer mit einem Fernseher – schwarzweiß, versteht sich. Ab und zu lief dort ein Programm mit vereinzelten Zusehern, und ich schlich mich dorthin, obwohl das meine Eltern nicht gerne sahen. Ein einziges Mal waren alle versammelt – alle Sommergäste und die bäuerliche Familie: Es war die Liveübertragung der Mondlandung, die alle vor den Bildschirm lockte. Ich erinnere mich noch gut an die knisternde Spannung, die den Raum füllte, und als der erste Astronaut mit diesen zeitlupenartig-federnden Schritten über die Mondoberfläche spazierte, gab es Applaus.

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Der Träumer

Ich war immer fasziniert vom Rauschen des Meeres, diesem monotonen, an- und abschwellenden Zischen der Wellen, das trotz unzähliger Wiederholungen nie ganz gleich ist. Mal ist es kürzer, mal länger, mal weicher, mal härter, mal aufbrausend und dann fast lautlos. Und ich habe immer Menschen beneidet, die mit diesem Geräusch aufgewachsen sind und damit leben.

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